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Interview mit dem Regisseur Hiner Saleem
Wie entstand KILOMETRE ZERO?
Als Saddam Hussein und sein Regime gestürzt wurden, drehte ich gerade meinen Film VODKA LEMON in Armenien. Ich war so glücklich und hatte nur einen Wunsch: dort mit meinen Leuten im irakischen Kurdistan zu sein. Sobald ich wieder in Frankreich war, beschloss ich, in den Irak zu fahren und in Kurdistan einen Film zu drehen. Ich fing an, Leuten von meinen Plänen zu erzählen, es zu verbreiten. Jeder fand das Projekt sehr interessant. Ich fuhr hin, ohne einmal die Frage der Finanzierung geklärt zu haben. Ich fuhr, ohne zu wissen, ob ich für 2 oder 8 Wochen bleiben würde. Letztlich blieb ich 4 Monate.
Was empfanden Sie, in das Land zurückzukehren, aus dem Sie vor 20 Jahren geflohen waren?
Die ganze Erfahrung war eine Mischung sehr starker Emotionen. Mal weinte ich vor Freude, die Kurden frei zu sehen. Dann wieder war ich bedrückt, zu sehen, dass sie nicht realisieren wollten, wie instabil die Lage noch immer für sie ist. Sie weigern sich, ihre Träume zu zerstören….Aber ich war dennoch von der Freude überwältigt, sie glücklich und frei zu sehen.
Auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestoßen?
Das größte Problem war, eine Kamera zu finden und mit dem Negativ umzugehen. Es gab keine einzige funktionierende Kamera im ganzen Land. Hierbei ist es wichtig zu wissen, dass im Irak in seiner gesamten Geschichte nur ca. 5 Filme produziert wurden. Diesen Film zu drehen erforderte viel Improvisation und schnelles Denken. Die Dreharbeiten mussten ebenfalls schnell durchgeführt werden, da keiner sich sicher sein konnte, welche Entwicklung die Situation weiter nehmen würde.
Wie gelang es Ihnen dennoch, trotz der schwierigen Bedingungen, unter denen Sie während der Dreharbeiten für KILOMETRE ZERO arbeiteten, das ehrgeizige Projekt voranzutreiben und zu verwirklichen?
Da der Film eine Art Road Movie ist, mussten wir an vielen unterschiedlichen Orten und mit vielen Sets und Extras drehen….Die kurdischen Behörden halfen uns dabei. Der Film spielt ja in den 80ern, kurz vor dem Ende des Krieges mit dem Iran, dafür mussten wir eine Welt rekonstruieren, die schon verschwunden war. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich ankam, war es bereits unmöglich, eine Soldatenuniform der Armee Husseins aufzutreiben. Sogar Fotos von Hussein selbst waren fast nicht mehr aufzufinden.
Ich floh aus dem Irak, als ich 17 Jahre alt war. Seitdem hat sich viel verändert. Die Nationalhymne zum Beispiel war nicht dieselbe, die ich noch als Kind kannte. Jemand aus dem Team erinnerte mich daran. Dasselbe gilt für die irakische Fahne: Unter Saddam Hussein hatte der Irak drei verschiedene Versionen von Nationalfahnen. Die Farben veränderten die Ordnung, ein Stern kam hinzu… Die Fahnen im Film mussten eigens neu hergestellt werden. Wir haben den Rechtschreibfehler in der Inschrift „Allah ist der Größte“ auch nicht vergessen. Ursprünglich hat Saddam Hussein die Inschrift mit seinem eigenen Blut geschrieben, niemand traute sich, ihm zu sagen, dass er einen Rechtschreibfehler gemacht hatte…
Für jemanden, der gezwungen war, sein Land zu verlassen, war es da nicht schmerzhaft, mit solch allgegenwärtigen Bildern Saddam Husseins zu arbeiten?
Es ist so, als würden wir immer noch unter ihm leben! Er war überall, in den Büchern, in allem. Überall wo du hingeschaut hast, konntest du sein Foto sehen – auf einem Rassepferd und dabei ein Schwert haltend, in voller Militäruniform und eine Kalaschnikow tragend, auf einem Gebetsteppich in Richtung Mekka kniend. Und all seine berühmten Anreden: „Präsident und Oberbefehlshaber“, „Ritter der arabischen Nation und Hüter der Pforte des Orients“, „Sieger über die Zionisten“ und „Stolz des Tigris und Euphrats".
Saddam ist einer der Hauptfiguren des Films. Seine Anwesenheit spuckt durch den ganzen Film mit seinen riesigen Portraits am Straßenrand, seinen Fernseh- und Radioansprachen, vor allem aber durch die imposante Statue, die den Hauptdarsteller Ako auf seiner ganzen Reise zu folgen scheint.
Wo fanden Sie die Statue Saddam Husseins?
Sie ist für den Film gemacht worden…Alle kurdischen Bildhauer, mit denen ich sprach, weigerten sich, sie zu machen. Ich konnte dann einen arabischen Bildhauer überzeugen. Es hat Wochen gedauert, bis ich ihn fand, aber schließlich nahm er den Auftrag an. Aus Sicherheitsgründen war es undenkbar, das ganze Land mit der riesigen Statue Saddams zu durchqueren. So entschlossen wir uns, die Arbeit in Kurdistan selbst machen zu lassen. Der Bildhauer arbeitete in dem Innenhof des Hauses, in dem er auch wohnte. Als die Statue langsam ihre reale Gestalt annahm, ragte der Kopf über die Mauer des Innenhofes. Die Behörden reagierten sehr schnell und „unser Saddam“ wurde konfisziert, der Bildhauer kam ins Gefängnis. Es bedurfte sehr vieler Erklärungen bei den Behörden, um beide wieder herauszuholen.
Die schwierigsten Situationen im Film bringen einen zum Lachen, wie beispielsweise der Kampf im Schützengraben. Wie bringen Sie es fertig, Humor und Komik mit tragischen Ereignissen zu verbinden?
Ich behandle einige sehr ernste und schwerwiegende Themen. Aber ich versuche, sie einfach zu halten und mich selber darin nicht so ernst zu nehmen. Ich wollte nicht, dass die Kampfszenen spektakulär wirken. Ich wollte weder Sensation noch wollte ich ins Melodramatische fallen.
In Bezug auf den Humor, so denke ich, habe ich das von meinem Großvater. Er pflegte oft zu sagen: Unsere Vergangenheit ist traurig, unsere Gegenwart ist tragisch, zum Glück haben wir keine Zukunft. In Momenten großer Tragik finden wir immer auch eine Komik im Detail, etwas Absurdes in der jeweiligen Situation. Die Kurden – genauso wie alle Menschen, die viele Schwierigkeiten zu bewältigen und zu erleiden haben – haben gelernt, das Komische und Absurde im Leben zu sehen. Dieser Sinn für Humor hat uns geholfen zu überleben.
KILOMETRE ZERO ist ein Film über die Diktatur und über einen gewalttätigen und repressiven Krieg. Sie aber entschieden sich, diese blutige Seite nicht zu zeigen. Warum?
Es ist wahrscheinlich eine Frage des Anstandes. Was ich in Filmen zeige und sage, ist nichts verglichen mit meiner Wut in mir. Kann sein, dass ich ihr in meinen Filmen eines Tages mehr Ausdruck verleihe. Mit KILOMETRE ZERO wollte ich eine Atmosphäre schaffen und nachbilden, um die Diktatur nachempfindbar zu machen. Es kann sein, dass es für mich leichter war, eine einfache, realistische und konkrete Geschichte zu erzählen. Jeder Kurde und jede Kurdin trägt ein Dutzend solcher Geschichten in sich.
Woher stammt die Idee mit dem Soldaten, der gezwungen wird, an die Front zu gehen?
Die Geschichte basiert auf realen Erlebnissen meines Bruders, der aus der irakischen Armee desertierte. Ich startete das Projekt mit der Idee von diesem unwilligen Soldaten und entwickelte so Schritt für Schritt das Drehbuch während der Dreharbeiten.
Wie würden Sie die Beziehung zwischen dem kurdischen Soldaten und dem arabischen Fahrer beschreiben?
Sie gleichen zwei Zeitbomben. Wir haben keine Ahnung, wann sie explodieren werden. Vielleicht in 5 Minuten, vielleicht in 5 Stunden oder in 5 Jahren, aber eines ist sicher: Es wird zur Explosion kommen.
Ohne dass wir nach unserer Meinung gefragt wurden, sind wir mit dem Irak verbunden und sind der arabischen Bevölkerungsmehrheit unterworfen worden. Die arabische Bevölkerung verweigert uns, das zu geben, was sie für sich selbst beansprucht. Ich habe zwar ihre Sprache gelernt, aber ich kenne sie nicht. Ich kenne hingegen ihre Militärpolizei und ihre Soldaten.
Würden Sie Ihren Film als politischen Film bezeichnen?
Nein, es ist kein politischer Film. Auch wenn ich mich selbst als einen sehr politischen Menschen bezeichnen würde. Ich bin an täglichen politischen Ereignissen sehr interessiert. Ich brauche es, regelmäßig informiert zu sein, was in der Welt passiert. Aber ich bin kein politischer Filmemacher. Ich bin lediglich jemand, der beobachtet, was auf der Welt passiert, und der darüber Geschichten erzählt. Gewissermaßen mache ich Filme, weil ich nicht die Macht habe, die Welt zu verändern. Vor allem liebe ich das Leben. Wegen dieser Lebenslust, würde ich die Kurden so gerne in Freiheit sehen. Ich möchte meine Schwester und meinen Bruder frei sehen. Dann wäre ich wirklich glücklich.
Worauf bezieht sich der Titel KILOMETRE ZERO?
KILOMETRE ZERO ist eine Anspielung auf die Tatsache, dass wir noch immer an der gleichen Stelle stehen. Irak wurde vor ca. 80 Jahren gegründet und das Land hat keinen einzigen Schritt nach vorn gemacht. Das könnte ein Grund sein, die Hoffnung zu verlieren. Oder erst recht zu hoffen, wenn man so will. Wenn der Ausgangspunkt Null ist, dann kann man nur vorwärts gehen.
KILOMETRE ZERO endet mit Hoffnung?
Ja, man kann sagen, dass der Film an einem Moment der Hoffnung endet. Aber ich glaube nicht, dass es das wirkliche Ende ist. Wir wissen nicht, was die Zukunft für uns auf Lager hat. Das Regime von Saddam ist gefallen. Das ist außerordentlich. Aber das ist keine Garantie dafür, dass sich die Dinge gut entwickeln werden. Man kann es vielleicht so ausdrücken: Wir haben in dieser Art Zwischenzeit einen Augenblick Verschnaufpause.
Irakisch Kurdistan: Hintergrundinformationen
1919
Nach der Niederlage und dem Zerfall des Osmanischen Reichs wurde den Kurden im Vertrag von Sevres das Recht auf Selbstbestimmung zugebilligt, der Vertrag wurde jedoch nie umgesetzt.
1923
Kurdistan wurde durch das Abkommen von Lausanne aufgeteilt. In dem Vertrag von Lausanne wurden die neuen Machtverhältnisse zwischen der Türkei und den Kolonialmächten England und Frankreich vertraglich festgeschrieben. Von den Versprechungen des Vertrages von Sevres gegenüber den Kurden war keine Rede mehr.
Kurdistan wird viergeteilt: die vier Teile entfielen auf die Türkei (20 Mio. Kurden), den Iran (9 Mio.), den Irak (6 Mio.) und Syrien (2 Mio.)
1980
Beginn des Iran-Irak-Krieges. Viele irakische Kurden sind auf der Seite der iranischen Armee. Das Regime von Saddam Hussein verstärkt seine Aktionen gegen die kurdische Minderheit.
1988
Februar - September: Die Periode, die als „Anfal Kampagne“ bekannt wird – eine Anspielung auf die 8 Suren des Korans – legitimiert die Anwendung jeglicher Gewalt und Misshandlung gegenüber so genannten Ungläubigen. Ali Hassan al-Majid, Saddam Husseins Cousin und als „Chemical Ali“ berühmt berüchtigt, wird alle Macht erteilt. Seine Anstrengungen, die kurdische Bevölkerung zu „arabisieren“ und mittels Deportationen zu dezimieren, bringen nicht den erhofften Effekt. Ali Hassan greift zu noch radikalere Mittel und setzt chemische Waffen gegen die kurdische Bevölkerung ein.
16. März 1988
An diesem Tag wird das Halabja Massaker verübt. Das Datum ist ein Gedenktag für die Kurden. Irakische Truppen gehen mit chemischen Waffen gegen die kleine Stadt Halabja vor. Es gibt 5000 Tote.
2003
Saddam Hussein und sein Regime werden gestürzt
2004
In der neuen Verfassung des Iraks wird der Status der Kurdischen Autonomen Region im Nordirak anerkannt und ihr volle Souveränität zugesichert.
2005
Nach den Wahlen am 30. Januar wurde das Parlament in Arbil zusammengerufen und Masud Barzani zum Präsidenten der Region gewählt.
2006
Am 21. Januar konnten sich die beiden großen Parteien PUK und KDP über die Zusammenlegung der beiden Regierungen in Arbil und Silemani einigen.
(weitere Informationen unter www.krg.org)
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